Was passiert mit “Big Data” in der Bildung?

05. April 2014 von

InBloom verliert den Bundesstaat New York als letzten Kunden

Big Data ist in aller Munde. Das Thema ist dank der NSA-Spähaffäre in den Mainstream-Medien angekommen und wird dort bisher eher anhand von WhatsApp und Facebook, als anhand vom gegenwärtigen und zukünftigen studentischen und schulischen Alltag diskutiert.

Anders als in den USA, wo man bereits wieder einige Jahre in der Diskussion voraus hat ist nämlich das Thema Student Data, also die Daten, die Lehrende und Lernende in Schulen und Universitäten in Hochschulinformationssystemen oder Campus-Management-Systemen hinterlassen, noch nicht soweit bei uns voran geschritten, als dass sich hier politische Folgen ablesen lassen. Doch gerade durch die nun für alle Interessierten offene Teilnahme an MOOCs entstehen langsam auch in Deutschland Begehrlichkeiten, die durch die Portale gewonnen Daten der Studierenden zu verknüpfen um sie besser auswerten und daraus Schlussfolgerungen für die Bildung der Zukunft ziehen zu können. Die Folge ist klar, die Diskussion über Big Data im Bildungssektor wird bald auch in den deutschsprachigen Medien kommen und im Bezug auf Datenschutz und Privatsphäre eventuell genauso laut geführt werden, wie über die Studiengebühren.

Die Zukunft der Student Data

Doch wo geht die Reise der Datenverarbeitung hierzulande hin? Was passiert mit Big Data in der Bildung?
Vielleicht hilft hier ein Blick in die aktuelle Situation in den USA:

Vorgestern verlor ein einstmals 100 Millionen Dollar schweres StartUp seinen letzten Kunden. Laut einem Artikel im Politico, wird der Staat von New York, der letzte verbleibende Kunde von InBloom, alle seine Schülerdaten auf den Servern der Firma aus Datenschutzgründen löschen. InBloom Inc. ist eine Nonprofit Corporation, die es sich dank finanzieller Unterstützung der Gates Foundation zur Aufgabe gemacht hatte, Datenmanagement und Speicherung von Schülerdaten in Schulen zu sammeln, um dadurch personalisiertes Lernen durch Daten-Analyse zu ermöglichen und den Lehrern daraus vorher unbekannte Schlussfolgerungen zu ermöglichen. Im März 2013 verkündete das Unternehmen noch, bereits über elf Millionen Schülerdatensätze zu verfügen.

Learn Cloud MOOCInBlooms Verlust des letzten amerikanischen Bundesstaates wirft nun einen Schatten auf das einstmalige Mammut-Projekt und offenbart auch die verständliche Empfindlichkeit der Öffentlichkeit, was mit den sensiblen Schülerdaten überhaupt passiert ist. Als 2011 die “Bill & Melinda Gates Foundation” die sogenannte Shared Learning Infrastruktur unterstützte, war die angekündigte Kernidee, eine Open-Source-Software zur Verfügung zu stellen, um den Unterricht besser zu organisieren. Dies sollte passieren, indem man die Daten der Schüler aus mehreren Staaten und mehreren öffentlichen Quellen in der Cloud zusammen verknüpft um neue Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dazu gehörte eigentlich alles, was man sich vorstellen kann: Von demographischen Daten, über die Teilnahme an ergänzenden, außerschulischen Projekten, Zeugnisnoten und Fehlzeiten, Echtzeitverfolgung der Schulrechnernutzung, bis hin zu speziell programmierter Analyse-Software die Lernerfolge festhielt. Eine eigene API – eine offene Programmierschnittstelle die Zugang auf die Rohdaten schafft – ermöglichte es zertifizierten Software-Entwicklern auf diese Daten zuzugreifen, um neue Anwendungen herzustellen die, zumindest in der Theorie, von den teilnehmenden Lehreinrichtungen dann wieder zur Lernförderung genutzt werden können.

Im Februar 2013, also erst vor etwas mehr als einem Jahr, formierte sich InBloom zu einer unabhängigen Non-Profit-Corporation. Das Unternehmen hatte zu dem Zeitpunkt neun staatlichen Partner, darunter Colorado, Delaware, Georgia, Illinois, Kentucky, Louisiana, Massachusetts, New York und North Carolina, was den damaligen Zugriff auf rund 11 Millionen Schüler und Studenten bedeutet.

Unser Ziel ist es, die Sorgen von Pädagogen und Eltern, Technologie im Klassenzimmer zu nutzen, gänzlich zu entfernen” äußerte CEO Iwan Streichenberger auf einer Vorstellungskonferenz in San Francisco.

Das Angebot von InBloom ist, wie oben erwähnt, dabei eigentlich nicht ungewöhnlich – es gibt bereits ähnliche Technologien im Internet, die Verbraucher weitgehend erkennen, ohne dass es diese merken oder nach einmaliger Anmeldung bei diesen Diensten verhindern können. Zum Beispiel erlaubt eine API von Facebook, sich bei Diensten mit einem Klick anzumelden und so zum Beispiel auch auf MOOCia einzelne Artikel zu kommentieren. Wenn man allerdings mit seinem Facebook-Profil z. B. bei Airbnb ein Haus mieten kann oder man mit der persönlichen Finanzseite Mint.com alle Bankkonto-Informationen an einem Ort mit nur einem Klick nutzt und diese mit den eigenen Krankenakten bei Google Health verknüpft sind, entstehen daraus interessante Ableitungen, die man als Verbraucher nicht nachvollziehen kann. Hierbei ist aber zu beachten, dass die Nutzung solcher Dienste freiwillig ist und somit wenigstens zum teil umgehbar. Der Preis der kostenlosen und teilweise nützlichen Dienste, sind eben die eigenen Daten, die man den Unternehmen gibt.

inBloom line redAber durch staatliche Verträge erhaltene Schüler-Informationen, wie zum Beispiel elektronische Gesundheitsakten, bleiben nicht nur sehr viel empfindlicher als andere Arten von Verbraucherinformationen, sondern sind durch staatlich-unternehmerische Verträge nicht mal verhinderbar. Die damalige und anhaltende Resonanz in der Öffentlichkeit seit dem Start von InBloom hat dies verdeutlicht. Seit Beginn äußern Eltern und andere Bildungsaktivisten ihre Bedenken, die Schülerdaten würden bei nicht ausreichendem Erfolg des Projektes für finanziellen Gewinn verkauft oder von Hackern gestohlen werden können. Dies führte auch zum stetigen Verlust der einzelnen Bundesstaaten. Leonie Haimson von der “Class Size Matters“-Initiative in New York City, und eine von inBlooms größten Kritikern meint zum letzten Kundenverlust: “Für Anbieter wie InBloom ist allein die Aussicht, in der Lage zu sein, die in ihren Händen befindlichen Informationen auf dem freien Markt für mehrere Milliarden Dollar verkaufen zu können, eine für Lernende zu große Gefahr.

Wie sieht die Zukunft von Student Data aus?

Was bedeutet der abzusehende Untergang von Inbloom für Big Data im internationalen Bildungssektor? Es bedeutet jedenfalls nicht, dass Schülerdaten nun sicher sind, weder vor Vermarktern oder Hackern. Laut einer aktuellen Studie der Fordham University Law School, setzen 95 Prozent der amerikanischen Schulen und Bezirksverwaltungen bereits auf ein unterschiedliches Sammelsurium von Drittanbieter, mit sogenannten Cloud-Diensten, für ihre Datenspeicherung und internen Datenanalysen. Weniger als 7 Prozent dieser staatlichen Nutzer vereinbaren tatsächlich vorher das definitive Verbot des Verkaufes oder der Vermarktung der bei den Anbietern liegenden Schülerinformationen. Die Eltern wissen in der Regel nicht, welche Daten ihrer Kinder überhaupt gespeichert oder verwendet werden und haben darüber hinaus auch kein Informationsrecht.

Im vergangenen November wurde erst eine 5 Millionen Dollar Sammelklage gegen den Anbieter SAT wegen des Verkaufes von persönlichen Informationen über Millionen von Schülerinnen und Schüler angemeldet. Bisher ohne Erfolg. Und die beiden Universitäten von Maryland und Indiana haben erst vor kurzem eine medial in den USA sehr präsente Datenschutzverletzung aussitzen müssen, wo die Sozialversicherungsnummern und andere sensible Informationen der Studierenden bekannt geworden sind. Ebenfalls bisher ohne Folgen.

Student DataEs bedeutet ebenfalls nicht, dass die Verwendung von Schülerdaten zum Stillstand kommen wird. Ein kleines und bisher medial kaum aufsehenerregendes Startup namens Clever, erst 2012 ins Leben gerufen, verwendet eine einzelne freistehende API, um den große Mischmasch von Studenteninformationssystemen mit Anwendungen von Drittanbietern zu verbinden. Für das Unternehmen ist in diesem Fall interessant, dass es nicht auf den Datenspeicher selbst installiert werden muss, sondern durch den eigenen Crawler die Daten einfach abgreift, in der Cloud zwischenspeichert und es so wieder Drittanbietern zur Entwicklung von neuen Diensten anbietet. Eigentlich ein ähnliches Konzept mit dem auch InBloom sich mal angekündigt hatte. Bisher nutzen diesen Dienst 15.000 Schulen, ohne bisher einen ähnlichen öffentlichen Aufschrei wie seit Beginn von InBloom auszulösen.

Der Abgesang von InBloom und der langsame Aufstieg von Anbietern von Clever bedeutet lediglich, dass – zumindest wenn es um Student Data geht – Unternehmen beim Rollout ihres Produktes an Schulen die Sorgen von Lehrern und Eltern mit in ihren Business Plan einkalkulieren müssen.

Streichenberger meinte auf oben erwähnter Konferenz ebenfalls, dass die “Markteintrittsbarrieren” im Lernsektor erst in naher Zukunft sinken werden und die Attraktivität für Neugründungen in Silicon Valley ungebrochen sei. Allerdings sind solche Wörter natürlich nicht gerade in Einklang zu bringen mit den Sorgen von Eltern und Lehrern, dass genau solche Anbieter zu einer Privatisierung des öffentlichen Schulsystems führen könnten und die Daten eben nicht “for the greater good” genutzt werden.

Doch wie die Interoperabilität fördern und zukunftsgewandte StartUps und die Bildungseinrichtungen an einen gemeinsamen Tisch bekommen? Standards und Interoperabilität sind auch Kernaspekte des Internets und genau solche Standards benötigt es auch bei den zukünftigen Schnittstellen zu Bildungseinrichtungen. Es sind immer standardisierte Kommunikationsprotokolle, wie zum Beispiel HTTP, die es überhaupt jeden ermöglichen, eine Internetseite zu veröffentlichen und sie jedem anderen zur Verfügung zu stellen.

Das Prinzip der Interoperabilität im Bildungssektor wird auch bei uns in Deutschland in einen baldigen Konflikt mit dem langjährigen Grundsatz der öffentlichen Bildungseinrichtungen und der lokalen Kontrolle darüber entstehen. Das Bildungssystem in Deutschland und die Kulturhoheit der Länder über die Zuständigkeit für das Schul- und Hochschulwesen wird auch bei der Zusammenarbeit mit Internetunternehmen und MOOC-Portalen bald vor einer öffentlichen Debatte stehen, was überhaupt mit den Daten der dort Lernenden passiert, wie sicher die einzelnen Vertragspartner sind und allein wegen der daraus entstehenden Befindlichkeiten, ist der erste Datenskandal auch hierzulande absehbar.

Das Endergebnis ist reine Vermutung, aber es ist anhand von Unternehmungen wie InBloom absehbar, dass der Übergang zu datengestützten Lernmethoden jedenfalls nicht von einer einzigen großen Student Data-Plattform kommen wird, welche wahrscheinlich ebenfalls nicht von einem zentralen Mandat oder einzelnen koordinierten Stelle gelenkt wird – zumindest vorerst nicht. Fest steht aber auch, dass hierzulande die Einstiegshürden erheblich höher sein werden als in den USA – auch da mir hierzulande keine Stiftung bekannt wäre, die ein Projekt mit 100 Millionen Dollar unterstützen würde, um den sogenannten “Markteinstieg” zu erleichtern.

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